Leben und Kampf von Andrea Wolf
Seite 146-147
Brief von Çiya

Diese Zeilen zu Papier zu bringen ist nicht leicht. Während die Feder über das Papier streicht ist es schwer, den Gefühlen von Trauer, Verantwortung und genossenschaftlicher Liebe Herr zu werden. Denn diese Kontrolle ist nötig, um Gefühle und Gedanken in Worte fassen zu können. Aber was sind schon Worte gegenüber einem erfüllten Leben im Engagement für die Menschlichkeit.
Auch wenn in den Betonschluchten der Industriezentren der imperialistischen Metropolen die Begriffe Menschlichkeit, Schönheit, Liebe und Respekt ihre essentielle Bedeutung verloren zu haben scheinen - die Sehnsucht und die Suche nach ihnen existiert doch.

Auch Du warst eine solche Persönlichkeit, die sich im Engagement für die Menschlichkeit auf die Suche begeben hatte. Sie begann schon lange vor der Zeit, als wir uns in den Weiten der Gebirgsketten von Metina kennen lernten. Daß die Suche nur im aktiven Engagement für das Objekt der Suche zum Erfolg führt, war einer der Gründe, welche uns weit von unserer Heimat entfernt zusammen führte.

Da war dieser unsägliche Tag im Oktober, an dem ich vor dem Funkgerät saß und den Tagesbericht entgegennahm. Wie so oft drangen die Monotonie und Sachlichkeit der militärischen Lageberichte an mein Ohr. Nüchterne Zeitzeugen eines schmutzigen Krieges. Ohne jeglichen Pathos und Gewaltigkeit, die uns die Geschichtsbücher im Allgemeinen vermitteln wollen. Noch lange hallte die Nachricht von Deinem Tod und dem Deiner KampfgefährtInnen in mein Ohr. Betäubt hielt ich die Sprechmuschel in meiner Hand. Doch nicht das Bild deines von Kugeln zerfetzten Körpers, sondern das Dir eigene Lachen stand vor meinem geistigen Auge. Noch heute ist mir, als ob ich es sehen und hören könnte. Dieser Ausdruck von Freude und Liebe zum Leben haben sich in die Tiefe meines Herzens unauslöschlich eingebrannt. Gefühle, Gedanken und Erinnerungen an eine sehr intensive Freundschaft. Wenn diese Zeit auch nur sehr kurz war, manche Momente währen wie ein Leben. Zweiunddreißig Tage geben und nehmen, lachen und streiten, zuhören und sprechen, und der Kampf.

Weißt Du noch, wie wir im Cudî-Massiv in das Granatsperrfeuer der türkischen Armee gerieten? Als Du Dich trotz Befehls nicht eher von Deiner Stellung zurückgezogen hast, bis auch die letzten Genossen die rettende Deckung erreicht hatten? Es gibt militärische Disziplinlosigkeiten, die wie eine hohe Auszeichnung wiegen. Die Freund/innen schlossen Dich dafür noch mehr in ihr Herz. Immer wieder bewunderte ich an Dir diese Selbstaufgabe für die Genossinnen. Obwohl Du Dich auf die Suche nach verloren geglaubten Werten begeben hast, die nicht auf den kleinlichen egoistischen Interessen beruhen, bemerktest Du nicht, daß vieles, nach dem Du suchtest, sich schon in Deiner Persönlichkeit entwickelte. Auch wenn Du viele Probleme hattest, die gesellschaftliche Realität eines Volkes zu verstehen, die noch sehr mit feudaler Rückständigkeit behaftet ist. So konntest Du dennoch die vielen Errungenschaften erkennen, die der lange Freiheitsmarsch des kurdischen Volkes hervorgebracht hat. Che Guevara sagte einmal, Internationalismus beinhaltet die Fähigkeit, das Leid, was einem Menschen, egal auf welchem Platz dieser Erde, angetan wird, so zu spüren, als ob es einem selbst angetan wird. Auch dieses Gefühl führte uns in den Bergen Kurdistans zusammen. Auch Du besaßest die Fähigkeit, so wie das Volk zu fühlen und zu denken, für das Du Dein Leben eingesetzt hast. Die Solidarität der Völker kennt keine Unterschiede der Welten, sondern respektiert sie. Auch wenn wir in unseren Diskussionen nicht immer einer Meinung waren, wir achteten einander sehr. Denn unser gemeinsamer Wille, am Aufbau einer besseren Welt mitzuwirken, war verbindend. Denn große Träume zu haben, muß der realen politischen Umsetzung nicht widersprechen. Im Gegenteil, sie sind dafür lebensnotwendig. Es war nie Deine Art, vom Kanapee des Intellektuellen aus die Welt zu interpretieren, sondern sie grundlegend zu verändern. Wenn nur nicht diese Emotionalität gewesen wäre, die Dir den Zugang zu mancher Problemlösung in unserem alltäglichen Leben versperrte. Wir lehnen Emotionen nicht ab, denn sie sind ein Bestandteil des Menschen. Große Gefühle können große Gedanken hervorbringen und dazu befähigen, die vielen kleinen Schritte zu tun, welche in ihrer Summe zu sichtbaren Erfolgen und Entwicklungen führen. Doch wer im Krieg emotional handelt, hat schon verloren. Auch wenn Du nicht mehr physisch unter uns weilst, Dein Denken, Streben und Handeln spiegelt sich jeden Tag in unserem Kampf für eine bessere Zukunft wider. Wenn mich auf unserem langen Weg manchmal die Kraft verläßt, so gibst Du und die vielen anderen im Kampf gefallenen GenossInnen die Kraft, weiter zu gehen. Die Verantwortung vor Eurem Erbe ist zu groß, als daß den kleinlichen Eigeninteressen stattgegeben werden könnte.

Als wir in Bestler am Fuß des Berges Kelê Mamê an der kleinen Quelle saßen, unterhielten wir uns lange über Leben und Tod. Verständlich in einer Umgebung, wo jede Minute die letzte sein könnte. Am Schluß dieser Unterhaltung sagtest Du, daß Du nunmehr keine Angst mehr vor dem Tod hast. Denn wenn es so weit sein sollte, hättest Du zu Bedingungen gelebt, die Du selbst bestimmt hättest. Die einzige Angst wäre, in jenem Augenblick nicht genug für unseren Kampf gegeben zu haben. Nein, habe keine Angst, Du hast alles gegeben an jenem Tag im Oktober.
Am Tag, an dem meine Gruppe Richtung Van aufbrach, trennten sich unsere Wege. Auf dem beschwerlichen Weg dachte ich oft an die vergangenen Tage. An das Gefecht in Cudî, an die Superkobraoperation, an der in einer Nacht über 200 Kampfhubschrauber teilnahmen, an das gemeinsame Brotbak-ken, Wacheschieben, an unseren Spähtrupp quer durch den Minengürtel, an den Regen als unseren ständigen Begleiter, an unser Wettrennen am Berg von Avîyan, das Du gewannst. Kurz gesagt, ich dachte an das Leben einer Marschtruppe von zweiunddreißig Tagen.

Hevala Ronahî, Du hast Dein Wort gegeben, Du hast es gehalten, wir werden unseres halten. Ich verbeuge mich vor Dir und allen anderen Genossen, die für eine bessere Welt ihr Leben ließen.
Euer Vermächtnis ist Verpflichtung und Befehl zugleich.

Nach jedem Krieg, nach jeder Revolution, nach jeder bewaffneten Auseinandersetzung wird ein Frieden stehen. Es liegt nun in unserer Hand, daß es ein gerechter sein wird. Denn die vielen Schmerzen und Opfer, die auf dem langen Weg des Befreiungskampfes des kurdischen Volkes erbracht worden sind, verpflichten. Die Summe der Anstrengungen, Eure Arbeit und das Leben, das Ihr für unsere Zukunft gegeben habt, ermahnen zu noch größeren Anstrengungen.
Die Verbundenheit zu unseren Gefallenen und zur Menschheit wird der Maßstab für unser Handeln bleiben. Gemeinsam werden wir unser Ziel erreichen, wenn auch nicht auf dem Weg, den wir uns alle wünschten. Als FriedenskämpferInnen in einer Welt voller Gewalt, Ungerechtigkeit und Unterdrückung: Den Frieden zur Waffe machend setzen wir den Weg fort.

Du sagtest einmal, daß es viele Wege zum Ziel gibt.
Du hast Recht behalten.

In Liebe Çiya

für ANDREA

dein lachen steht uns vor augen,
deine vorstöße,
deine richtungsänderungen -
scharfe, schnelle gesten + fragen,
die überraschen,
die deine überzeugung signalisierten,
daß der weg gangbar ist,
nicht zu weit + nicht zu tief,
eben möglich.

den ausgang kanntest du genauso wenig wie wir,
aber der versuch mußte unternommen werden,
den weg zur befreiung auszuprobieren -
darauf bestandest du.

ich sehe dein gesicht in der menge,
ich wünschte mir, deine offenen bewegungen
würden zum rhythmus der masse.

sollen sie alle mal ein pfund abschmeißen von
ihrer nüchternen zurückhaltung,
die genossinnen
die genossen,
so habe ich dich verstanden.

wir verneigen uns vor dir,
jetzt bist du nicht mehr bei uns
und noch haben wir es nicht begriffen.

ein freund . dezember 98

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machwerk, frankfurt (2000)