Leben und Kampf von Andrea Wolf
Seiten 75-77
„die welt verstehen, um uns und sie zu verändern“
Januar 1992


GEDANKEN AUS DER INTERNATIONALEN DISKUSSION


(Dieser Text von Andrea's Gruppe „Kein Friede“ entstammt dem Heft „in die herzen ein Feuer“, das im Vorfeld der Mobilisierungen gegen das „Europa 1992“, die Feiern der 500jährigen Eroberung Amerikas und den Weltwirtschaftsgipfel veröffentlicht wurde.)

zahlreiche genossinnen und genossen aus anderen ländern und kontinenten waren im vergangenen jahr zu besuch bei uns. aus mittel- und lateinamerika, puerto rico und den USA, aus dem arabischen raum und kurdistan... sie haben auf veranstaltungen geredet und gespräche im kleinen kreis gesucht.
wir haben von ihnen wichtige anregungen erhalten. obwohl wir hier leben und den zusammenbruch der osteuropäischen staaten näher erleben konnten, scheint es so, daß den genos-sinnen und genossen die einschneidenden folgen viel bewußter sind als uns. viele ihrer fragen zielten darauf: wie begreifen wir die ursachen und auswirkungen des falls der mauer? wie den aufstieg deutschlands zur großmacht? wie die bedeutung der EG-supermacht? und was tun wir dagegen?

in den gesprächen gaben sie uns und unserem kampf eine bedeutung auch für sie und ihre länder, die nur unzureichend in dem alten satz von che gefaßt ist: „im herzen der bestie“.

sie sagten uns aber auch ein paar sätze gegen die selbst-überschätzung. wir würden uns täuschen, wenn wir glauben, die sozialen und antiimperialistischen bewegungen in den metropolen könnten allein den kampf gegen die bestie bestehen. der antiimperialistische kampf ist ein weltweiter prozeß. „die welt ist aber größer als die nordhalbkugel“.
Vor allem spürten wir ihr riesengroßes bedürfnis, mit uns in kommunikation zu treten. sie wollen mit uns zusammen, mit den linken und demokratischen menschen in den reichen metropolen die verständigung über alle politischen und strategischen fragen des befreiungskampfes herstellen. die kämpfe in der ganzen welt müssen sich vernetzen und eine gemeinsame diskussionsgrundlage schaffen. angehörige der kurdischen befreiungsbewegung sagten uns, daß sie die neuen sozialen bewegungen, die frauenbewegung, die umweltbewegungen, die antikriegsbewegungen und die anderen bewegungen als ihre natürlichen und strategischen verbündeten betrachten.
immer wieder hörten wir von ihren bemühungen, sich neu zu orientieren, andere wege zu beschreiten. aus den erfahrungen des nationalen befreiungskampfes, der guerilla, der organi-sierung in den elendsquartieren, den parteien. sie sprachen von der sich bei ihnen entwickelnden erkenntnis der notwendigen internationalen diskussion.
auch bei ihnen haben sich die gründe für den revolutionären umsturz vertausendfacht. für kein land konnte gesagt werden, daß sich die lebensbedingungen der menschen verbessert hätten. überall hat die zerstörung um sich gegriffen. armut, hunger, verslumung, krankheiten und umweltkatastrophen haben an ausmaß und schwerwiegenheit zugenommen.
aber es hat sich auch herausgestellt, daß die möglichkeiten, dies zu ändern, selbst dort gering erscheinen, wo die revolutionären kräfte stark sind oder sogar an der regierung waren wie in nicaragua. die machtverhältnisse in der welt sind eindeutig zu ungunsten der länder und völker im trikont. abgesichert wird das durch eine politische und militärische welt-ordnung, die so neu nicht ist. die USA, japan und die westeuropäischen staaten beherrschen dieses system. egal in welcher internationalen institution, ob UNO, weltbank oder die nord-süd-konferenzen.

vor diesem hintergrund geht es uns gegen den strich, vom „reformistischen minimalkonsens“ der forderung nach schul-denstreichung zu reden, wie es der münchener AK tut, und dem eine „weitgehende antiimperialistische ausrichtung“ gegenüberzustellen. für uns ist es vielmehr die frage, ob eine solche maßnahme den völkern im süden eine atempause verschaffen kann, ob zumindest der verelendungsprozeß verlangsamt wird. mehr wäre schuldenstreichung nicht. aber vielleicht ist es genau das, was gebraucht wird, um weitergesteckte zwecke verfolgen zu können. zum beispiel reparationszah-lungen für die aus 500 jahren kolonisation und sklaverei ausgepreßten reichtümer.
neben diesen gibt es auch viele andere konkrete frage-stellungen, die wir uns in der gemeinsamen diskussion vornehmen können:
im letzten jahrzehnt hat sich die weltpolitische lage grundlegend verändert. was sind die erfahrungen nationaler befrei-ungskonzepte und haben sie noch bestand angesichts der veränderten weltlage?
was bedeutet das für einen nationalen befreiungskampf innerhalb der NATO-grenzen, wie ihn - völlig unterschiedlich - das kurdische, aber auch das baskische und das irische volk führen? angesichts einer anerkennungspolitik der BRD und der EG von jedem osteuropäischen kleinstaat vom baltikum bis zum balkan, - solange er in das kapitalistische und politische wirtschaftskonzept paßt?
was heißt das für kämpfe in den EG-kolonien?
wie diskutiert die linke diese fragen innerhalb lateinamerikas?
was bedeutet das etwa auch für eine revolution wie in eritrea, in der die nationale frage immer noch heißt, die kolonialen grenzen des 19. jahrhunderts zu revidieren?

was sind die erfahrungen der volksorganisationen wie der poder popular in el salvador und kolumbien, oder der autonomen formen der sozialen und medizinischen selbstversorgung auf den philippinen, der organisierung in den elendsvierteln in istanbul, oder der antirassistischen/kulturellen projekte des schwarzen ghetto-widerstandes in den USA oder der indigenas auf dem amerikanischen kontinent?
durch das ende der ost-west-konfrontation hat sich das ungleichgewicht und ungerechte verhältnis nur noch verschärft. viele genossinnen und genossen, bei uns - aber auch aus lateinamerika hörten wir das -, haben deswegen die perspektive nationaler befreiungsbewegungen abgeschrieben. die konterrevolutionäre strategie ökonomischer erpressung in kombi-nation mit contrakriegen hat in den meisten nationalbefreiten staaten gewirkt. ist dieser sieg in nicaragua eindeutig? wir müssen uns vor vereinfachungen hüten: in peru und kurdistan gewannen junge befreiungsbewegungen - trotz aller unterschiede - in den letzten zehn jahren fortlaufend an stärke.

der kapitalistische sieg über den sowjetstaatlichen sozialismus ist nicht das 'aus' für den sozialismus überhaupt. schon gar nicht das ende der geschichte, wie es die propagandisten der kapitalistischen demokratie verkünden. obwohl gerade die westdeutsche autonome und antiimperialistische linke großteils entwicklungen in osteuropa ignoriert hat, tun heute viele so, als wenn sie ihr herz an die sowjetunion verschenkt hätten. es ist schwindel, die ursachen unserer eher desolaten situation im zusammenbruch des 'realen sozialismus', in der einverleibung der DDR, in der stärke, die der imperialismus daraus bezieht, zu behaupten.

der pessimismus der westdeutschen linken wurde von den genossinnen und genossen aus anderen ländern so gut wie gar nicht geteilt. sie vermittelten eher zuversicht - einen elan, der aus den schlüssen kommt, die sie aus der entwicklung und ihren kampferfahrungen ziehen. in lateinamerika ist es z.b. die konsequenz, sich viel stärker im regionalen und kontinentalen maßstab in diskussionen, bündnissen und kampagnen zusammenzuschließen. dort ist das heute insbesondere die ge-genmobilisierung zu den pompösen jubelfeiern der 500jährigen eroberung amerikas.

zu ganz paradoxen ergebnissen führt die immer engere verzah-nung der verhältnisse in unseren ländern. die vom internationalen kapital favorisierte lebensweise mit der speziellen mi-schung aus hochdifferenzierter lohnarbeit, freizeitindustrie und konsum, single oder kleinfamilie ist höchstens gut für 1/10 der menschheit. die mehrheit muß ums tägliche überleben bangen. die wohlstandsinseln verteilen sich mitsamt allen attri-buten und statussymbolen über den ganzen globus konzentriert im norden. umgekehrt breiten sich die elendsquartiere über die ganze welt aus - selbst in den reichen ländern.

das zu sehen redet nicht einer gleichsetzung des deutschen sozialhilfeempfängers mit der brasilianischen landarbeiterin das wort. zwischen beiden liegen welten ökonomischer ungleicheit; zwischen beiden liegen rassistisch und sexistisch begründete privilegien und benachteiligungen.
richtig ist aber auch, daß die welt heute einem internationalen reservatssystem gleicht. eine globale apartheid mit hunderten von homelands - und genauso rassistisch und ökonomisch abgegrenzt wie in südafrika. wir leben in einer welt, in der nicht nur drei, vier welten existieren, sondern x-verschiedene - immer weniger verschieden nach himmelsrichtungen, sondern eingesprengselt in die anderen. huidobro, ein tupamaro-genosse, meinte dazu, er könne uns die erste in der dritten welt zeigen, deutschland in uruquay mit audi quatro, luxus-konsum und PC's zu hause. und wir wüßten ja selber, wo hier die orte zu finden sind, zwischen deren welt und der welt des uruquayischen deutschland ein universum liegt.

diese elendsorte haben in deutschland nicht das ausmaß des trikonts. aber hinter den ostgrenzen des neuen deutschlands schaffen jahre unzulänglicher planwirtschaft und wenige mona-te marktwirtschaft eine gigantische elendskolonie. in ihr etablieren sich die wohlstandsinseln als von EG und NATO anerkannte staaten, z.b. die baltischen republiken oder slowenien. kein wunder also, daß die menschen überall auf der welt vor verhältnissen flüchten, die ihnen keine möglichkeit lassen, unter menschenwürdigen bedingungen zu leben. millionen flüchten in die städte des trikonts. millionen flüchten dahin, wo sich der reichtum der welt sammelt: in den norden.

zur massenhaften republikflucht aus der DDR wurde in west-deutschland der begriff der „abstimmung mit den füßen“ geprägt. die weltweiten fluchtbewegungen stimmen gegenwärtig über den weltweiten kapitalismus ab. seit der ersten entwick-lungsdekade der UNO in den 60er jahren haben sich die le-bensbedingungen für die mehrheit der menschheit aufs ex-tremste verschlechtert. vergleiche finden sich schon lange nicht mehr. auch für unsere europäischen länder bedeuten die internationalen veränderungen soziale und politische verschär-fungen. revolten und explosionen in ghettos der französischen vorstädte und betonsilos gehören zu den trommelschlägen dieser zeit. neben den zonen der high-tech-produktion und des metropolitanen lifestyle, entstehen genauso armutsregionen. die auswirkungen in der BRD werden wir zigmal weniger zu spüren kriegen als die menschen im südlichen frankreich, in portugal oder in griechenland. die BRD ist der gewinner des europäischen zusammenschlusses. das 'mildert' die folgen für unseren lebensstandard. das sollten wir nicht vergessen.

europa ist groß geworden und darin das imperialistische deutschland. viele genossinnen und genossen aus anderen ländern schätzen die entwicklung so ein, daß die BRD im jahre 2000 die stärkste macht in der welt ist. wir wissen nicht, ob das so sein wird, aber jetzt schon ist klar, daß sich die europäischen großraumpläne des deutschen kapitals erfüllt haben. die osteuropäische staatenwelt wird aufgeteilt und neugeordnet. die BRD mischt überall führend mit. in Jugoslawien hat sie im rahmen der EG faktisch ein hochkommissariat übernommen. der zusammenbruch der planwirtschaften ist hausgemacht, ergebnis u.a. jahrelanger schwindelei mit produk-tionsplänen korrupter eliten. ihre sozialismusvorstellungen kannten das volk nicht als subjekt, sondern nur als objekt staatlicher fürsorge, eben beglückung oder gängelung von oben. ihre herkunft aus sozialdemokratischen und preussischen sozialstaatsideen (bismarxismus, wie mühsam sagte) konnten sie abstreifen.

heute jedoch veranstalten die westlichen staatschefs und banker im einklang mit den 'nationalen führungen' in osteuropa einen polterabend, bei dem kaum ein stück heil bleiben wird.
über manche fragen wurden wir nachdenklich. so wurden wir auch gefragt, warum wir nicht zusammen mit den DDR-leuten für politische und soziale verbesserungen in ganz deutschland auf die straße gegangen sind. ja, vielleicht hätten sich die großdeutschlandverfechter dann nicht getraut, die DDR zur treuhandkolonie zu machen. vielleicht wäre auch eine ganz andere bundesrepublik herausgekommen.

aber es ist ein knackpunkt - so wie auch der golfkrieg und die zukünftige militärische 'verteidigung' in aller welt, und die abschottung der wohlstandsinseln gegen die flüchtlinge. wo werden wir sein? bei denjenigen, die das 'abendland verteidigen', wie jetzt schon ehemalige linke? oder werden wir zu denen gehören, die die 'festung europa' von innen knacken?!

wir sehen für eine neubestimmung des linken, radikalen kam-pfes sehr wohl genügend anlaß. wir können uns die erarbeitung dieser neubestimmung aber nicht vorstellen, ohne in einem fluß von praxis und neuen erfahrungen zu sein. die 500 jahre/WWG-mobilisierung ist für uns eine form von praxis, bei der wir neue erfahrungen machen, impulse kriegen, gerade im austausch mit genossinnen und genossen aus anderen ländern, und auch die vagen konturen der neubestimmung, die wir ja alle schon irgendwie im kopf haben, überprüfen können.
in der menschheitsgeschichte waren sich zentrum und periphe-rie noch nie so nah. die wunden, die das system in uns geschlagen hat, sind tief, bei den menschen auf allen kontinenten. die machtpyramide, die weltweit und in jeder gesellschaft existiert, auf den kopf zu stellen, damit die letzten die ersten sein werden - steht auf der tagesordnung.

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machwerk, frankfurt (2000)